Wikipedia
Wikipedia ist eine freie Onlineenzyklopädie, die allgemein als erfolgreiches Beispiel für kollektive Inhaltsproduktion und für das Phänomen Web 2.0 gehandelt wird. Dabei gibt es die unterschiedlichsten Meinungen zu diesem Phänomen. Sie reichen von absoluter Begeisterung bis hin zu völliger Ablehnung. Die folgenden Abschnitte dienen dazu, die Entwicklung und den Aufbau von Wikipedia etwas genauer darzustellen, so dass der Leser sich selbst eine Meinung zu Wikipedia bilden kann.
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Geschichtliche Entwicklung
Gegründet wurde Wikipedia von Jimmy Wales und Larry Sander als Nachfolger des gescheiterten Nupedia-Projekts. Nupedia startete ebenfalls als freie Onlineenzyklopädie im März 2000. Die Idee stammte von Jimmy Wales, der Larry Sanders mit an Bord holte. Nupedia basierte auf dem Prinzip des traditionellen Peer Review, also das Artikel von Experten und Laien geschrieben werden, aber erst nach entsprechender Sichtung und Verifizierung online gestellt werden sollten. Aufgrund des langsamen Sichtigungsprozessen konnten nur 24 Artikel innerhalb von drei Jahren fertig gestellt werden. [1]
Am 15. Januar 2001 kam Wikipedia, welches auf der Wiki-Software aufbaut, hinzu. Dieses sollte als Artikellieferant für Nupedia dienen. Jedoch entwickelte Wikipedia sich so rasant, dass Nupedia immer mehr in den Hintergrund trat und dann völlig "vergessen" wurde (im September 2003 wurde Nupedia komplett eingestellt). Ab März 2001 wurde Wikipedia bereits in verschiedenen Sprachenversionen, darunter auch die deutsche, angeboten und Ende des gleichen Jahres gab es Wikipedia in 18 Sprachen. Aktuell sind es ca. 260 Sprachversionen. [2]
Nicht nur die Anzahl der Sprachen, in denen Wikipedia online ging, entwickelte sich schneller als erwartet, sondern auch die Anzahl der ständig neu hinzukommenden Artikel nahm und nimmt noch immer stetig zu. So beinhaltet die englischsprachige Ausgabe aktuell 2.471.899 Artikel und die deutschsprachige 779.722 (Stand: 25. Juli 2008). Eine aktuelle Kurzstatistik findet man unter [3] bzw. unter [4].
Folgende Grafik zeigt beispielhaft das Artikelwachstum der deutschsprachigen Wikipedia seit Juli 2002.
Organisation der Onlineenzyklopädie
Rechtliche Aspekte
Die Artikeltexte stehen in Wikipedia durchgängig unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation (GNU-FDL oder GFDL), d.h. jedermann hat das Recht, die Inhalte unter bestimmten Bedingungen frei (auch kommerziell) zu nutzen, zu verändern und zu verbreiten: "The purpose of this License is to make a manual, textbook, or other functional and useful document 'free' in the sense of freedom: to assure everyone the effective freedom to copy and redistribute it, with or without modifying it, either commercially or noncommercially. Secondarily, this License preserves for the author and publisher a way to get credit for their work, while not being considered responsible for modifications made by others. ..." [5]
Bei der Einbindung von Bildern gibt es die verschiedensten Bildrechte zu beachten. Weiterhin müssen Bilder mit dem entsprechenden Copyright versehen werden, d.h. es gibt hier diverse Lizenzen, die anwendbar sind. Unter http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Bildrechte findet man eine detaillierte Anleitung zu den deutschen Richtlinien, die bezüglich des Einfügens von Fotos in Wikipediaartikel gelten. Eingebundene Audio- und Videodateien müssen unter freier Lizenz stehen, wie z.B. der GFDL-Lizenz oder einer Creative Commons-Lizenz [6].
Wikipedia wird von der Wikimedia Foundation [7], einer internationalen nichtstaatlichen Non-Profit-Organisation mit Sitz in Florida, USA, betrieben. Sie wurde am 20. Juni 2003 gegründet und erhielt alle im Zusammenhang mit der Wikipedia oder ihrer Schwesterprojekte bestehenden Rechte an Namen und Domains sowie die bis dato angeschafften Server. Am 13. Juni 2004 wurde in Berlin mit dem Verein „Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e. V.“ [8] die erste nationale Sektion von Wikimedia gegründet. Ein wichtiges Ziel der Wikimedia ist die Förderung der Wikipedia und deren Schwesterprojekte und besteht z.B. in der Beschaffung von Spenden für die Bereitstellung und Pflege der benötigten Server sowie in Öffentlichkeitsarbeit.
In Deutschland gab es bereits mehrere Gerichtsverfahren, in denen versucht wurde, Wikimedia Deutschland für die Inhalte von Wikipedia-Artikeltexten verantwortlich zu machen. Das aktuellste Urteil hierzu wurde vom Landgericht Köln am 14. Mai 2008 verkündet (vgl. [9], hier findet sich auch eine 22seitige pdf-Datei mit der Urteilsbegründung). Kläger war die Frankfurter Verlagsgruppe [10]. Die Klage wurde abgewiesen, womit bestätigt wurde, dass Wikimedia Deutschland nicht für Artikelinhalte der deutschen Wikipedia haftbar gemacht werden kann.
Technische Aspekte
Wie bereits erwähnt, basiert Wikipedia auf dem Wiki-System MediaWiki. Hierauf soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden, da eine ausführliche Beschreibung dieser Systeme unter dem Abschnitt "Wikis als Beispiel für kollektive Inhaltsproduktion" [11] und "Technische Plattformen für Wikis" [12] zu finden ist.
Um Wikipedia für jedermann zugängig zu machen, ist natürlich nicht nur die entsprechende Software nötig, sondern es muss auch genügend Hardware zur Verfügung stehen. Laut http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Server unterhält Wikimedia derzeit 357 Server, davon 286 in Florida, 5 in Frankreich, 43 in den Niederlanden und 23 in Südkorea. Eine detaillierte Auflistung findet man unter dem angegebenen Link. Folgende Grafik gibt einen Überblick über die Wikipedia-Serverkonfiguration von Mai 2006:
Community
Wie bei jedem Internetprojekt hat sich auch bei Wikipedia eine Community gebildet. Diese Community besteht aus anonymen Nutzern (Leser und/oder Autoren) und aktiven Mitarbeitern, die sich mehr oder weniger stark für Wikipedia engagieren. Und wie bei jeder Community gibt es auch bei Wikipedia Verhaltensvorschriften für Autoren/User, die das Miteinander innerhalb der Community regeln sollen. Diese Verhaltensregeln nennen sich Wikiquette und beinhalten Grundsätze wie z.B.: [13]
- Keine persönlichen Angriffe
- Geh von guten Absichten aus
- Sei freundlich
- Hilf anderen
- usw.
Im Folgenden werden kurz die verschiedenen Benutzertypen dargestellt sowie die aktiven Mitarbeiter von Wikipedia und deren Machtstrukturen.
Benutzertypen
Die MediaWiki-Software stellt mehrere Benutzertypen zur Verfügung, die hinsichtlich der Organisationsstruktur unterschiedliche Rechte und Möglichkeiten haben, wobei alle Benutzer (egal welcher Gruppe sie zugehörig sind) die gleichen inhaltlichen Rechte besitzen. [14] [15] Man unterscheidet folgende Benutzergruppen:
- anonyme Benutzer:
- Beiträge werden unter IP-Adresse gespeichert
- angemeldete Benutzer:
- erhalten Benutzerseite, können Seiten verschieben, Bilder hochladen und halbgesperrte Seiten editieren
- Editoren (Sichter):
- Benutzer mit Stimmberechtigung können einen Antrag auf diesen Status stellen, der ermöglicht, Seiten als gesichtet zu markieren und die letzte Änderung einer Seite wieder rückgängig zu machen (revertieren)
- Administratoren:
- werden von den Stimmberechtigten gewählt; können Seiten schützen, geschützte Seiten bearbeiten, Seiten löschen, gelöschte Seiten wiederherstellen, Benutzer bzw. IPs sperren und Sperrungen wieder aufheben sowie Benutzer zu Editoren ernennen
- Bürokraten:
- können Benutzernamen ändern und über eine Spezialseite andere Benutzer zu Admins oder Bürokraten machen, können Status aber nicht zurücknehmen; nur projektbezogen, d.h. deutsche Bürokraten nur für deutsche Wikipedia
- Stewards:
- kann Benutzerrechte für alle Wikimedia-Projekte geben und nehmen, wie etwa Administrator, Bürokrat, Steward; projektübergreifend
- Entwickler:
- haben Shell-Zugang zu den Wikimedia-Servern
Um das allgemeine Stimmrecht zu erwerben muss man mindestens zwei Monate aktiv bei der Wikipedia mitgearbeitet und eine Anzahl von mindestens 200 Edits (Bearbeitungen; dabei zählt die Korrektur eines Kommas genauso als Edit wie die Erstellung eines neuen Artikels) im Artikelraum (Diskussionsseiten usw. zählen nicht dazu) vorgenommen haben.
Wikipedianer
Die aktiven Mitarbeiter bei Wikipedia nennen sich Wikipedianer. [16] Ohne deren Engagement wäre ein Projekt wie Wikipedia nicht lebensfähig. Neben den Autoren gibt es auch Mitarbeiter, die sich um die "Instandhaltung" der Onlineenzyklopädie (Vandalismus entgegenwirken, Löschkandidaten bearbeiten, usw.) und um Backoffice-Aufgaben kümmern (Support, Emailbeantwortung, Serveradministratoren,...). Wikipedianer kommunizieren dabei nicht nur online, sondern treffen sich bei Stammtischen und verschiedenen Events.
Folgendes Bild zeigt die Administratoren der deutschen Wikipedia (Stand August 2007) [17]:
Zu den Wikipedianern zählen auch die Freiwilligen, die sich in dem Verein Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e.V. [18] engagieren. Die meisten Wikipedianer arbeiten auf freiwilliger Basis, d.h. unbezahlt. Es gibt ein paar Angestellte bei der Wikimedia Foundation in San Francisco. [19]
Machtstrukturen und Edit Wars
Wie in allen Institutionen, ob real oder virtuell, hat sich auch bei Wikipedia ein bestimmtes Machtgefüge herausgebildet:
"Mit Blick auf Verfassungsmerkmale, wie sie ähnlich zur Beschreibung politischer Gemeinwesen gedient haben und dienen, gilt für den Status quo der Wikipedia eine Art gemischter Verfassung, die neben Zügen von Demokratie und Anarchismus sowie von Oligarchie und Meritokratie auch Elemente von Technokratie, Plutokratie und Diktatur aufweist."[20]
Auch bei Wikipedia treten Konflikte auf. Zum einen kann es zu Unstimmigkeiten bezüglich von Artikelinhalten kommen, die sogar in so genannte Edit Wars ausarten können.[21] Bei diesen Bearbeitungskriegen sind mehrere Benutzer beteiligt, die ihre Beitragsversionen gegenseitig überschreiben oder sogar rückgängig machen. Zum anderen können interne Konflikte durch kontroverse Entscheidungen der Administratoren sowie durch unangebrachtes Verhalten der Benutzer untereinander entstehen. Um diese zu lösen, gibt es diverse Diskussionsseiten mit entsprechenden Abstimmungen sowie als letzte Instanz das Schiedsgericht. Es wurde nach längerer Diskussion und Umfrage am 27. April 2007 ins Leben gerufen und am 30. Oktober 2007 als Einrichtung zur Konfliktlösung bestätigt. [22]
Inhaltlicher Aufbau von Wikipedia
Jeder kann bei Wikipedia mitarbeiten: Artikel neu schreiben, bestehende Artikel ergänzen und Korrekturen vornehmen. Doch wie in jedem Projekt gibt es auch bei Wikipedia Regeln und Prinzipien, die eingehalten werden sollten bzw. müssen. Einer der wichtigsten Grundsätze von Wikipedia ist das Prinzip des NPOV – Neutral Point of View, d.h. ein Artikel sollte möglichst sachlich und neutral geschrieben sein, also keine eigenen Meinungen/Standpunkte enthalten. Weiterhin sind keine Forschungsbeiträge zugelassen und die Inhalte müssen nachprüfbar sein.[23]
Wikipedia bietet mehrere Möglichkeiten, Artikel und Sachverhalte nachzuschlagen. Startet man auf der internationalen Hauptseite http://www.wikipedia.org bietet sich dem User die Option, eine Enzyklopädie in der gewünschten Sprache aufzurufen oder sofort einen Suchbegriff mit Anwahl einer Sprache einzugeben. Wählt man eine bestimmte Wikipedia (z.B. die deutsche Sprachversion) kommt man auf die entsprechende Hauptseite [24], von der man aus seine Artikelsuche starten kann.
Die Artikel sind dabei per Suchbegriff zu finden oder man wählt ein Themenportal (Geografie, Geschichte, Religion, Gesellschaft, Sport, Technik, Kunst und Kultur sowie Wissenschaft) [25] seiner Wahl oder eine Kategorie (wie z.B. Literatur, Personen, Natur usw.) [26]. Weiterhin gibt es die Möglichkeit der Suche von A bis Z wie bei einem "gewöhnlichen" Lexikon. Wer keinen bestimmten Begriff/Sachverhalt sucht, kann sich entweder einen Artikel per Zufall anzeigen lassen oder nutzt die Angebote der Hauptseite, wie z.B. Artikel des Tages.
Leider reagiert die Suchmaschine von Wikipedia empfindlich auf Rechtschreib- bzw. Tippfehler. Gibt man z.B. das Suchwort "Neuronale Netze" ein, so wird man sofort zu dem Artikel "Neuronales Netz" weitergeleitet. Vergisst man jedoch einen Buchstaben und fragt beispielsweise nach "Neuronae Netze" so findet die Suchmaschine keinen passenden Eintrag.
Qualität der Einträge
Da bei Wikipedia jeder mitschreiben kann, wurde seit Beginn der Onlineenzyklopädie die Frage nach der Qualität der Einträge stark diskutiert. Es gab diverse Vergleiche mit Standardenzyklopädien, wie z.B. der Vergleich von Jim Giles mit der Britannica für das Journal Nature. [27] Wikipedia konnte in diesen Vergleichen eine gute Qualität nachgewiesen werden.
Jedoch gab es auch Vorfälle, wie den Fall "Seigenthaler" [Wikipedia inside, Seite 51]. Hierbei wurden einem amerikanischen Journalisten Verwicklungen im Kennedy-Mord angedichtet und dieser Eintrag bestand einige Monate in der englischsprachigen Wikipedia. Leider gibt es immer wieder "Scherzautoren" und Vandalen, die entweder aus Spass Scherzartikel oder auch aus anderen (teils politischen, rechtsradikalen oder ähnlichen) Gründen (Beschönigung von Biografien, geschichtlichen Ereignissen usw.) Artikel schreiben, verändern oder löschen. Offensichtliche Fehler, Scherzartikel und Vandalismen haben meist keine lange Lebensdauer bei Wikipedia. Da es sich jedoch bei den Artikeln um keine geprüften (wissenschaftlichen) Arbeiten handelt, kann es keine Garantie geben, dass die Artikel nicht doch (unbeabsichtigte) Fehler enthalten.
In Wikipedia selbst gibt es verschiedene Klassen zur Bewertung von Artikeln, wie z.B. die Kategorie "Exzellente Artikel" oder "Lesenswerte Artikel".[28] In der Testphase befindet sich noch eine MediaWiki-Erweiterung mit deren Hilfe Artikel als gesichtet und geprüft markiert werden sollen.[29] Damit soll die Verlässlichkeit von Informationen aus der Onlineenzyklopädie erhöht werden.
Fazit zu Wikipedia
Wikipedia kennt fast jeder, der das Internet nutzt. Gibt man z.B. bei Google den Begriff "Wikipedia" ein und lässt das Web durchsuchen, so liefert die Suchmaschine ungefähr 286.000.000 Ergebnisse. Im Vergleich sind es bei "Angela Merkel" nur 6.680.000 und bei "George Bush" nur 42.500.000 Ergebnisse. Dabei beinhalten die Ergebnisse nicht nur Wikipedia-Artikel sondern auch Seiten, die die Onlineenzyklopädie diskutieren und zitieren. Auch in der "realen" Welt findet man Hin- und Verweise zu Wikipedia, wie z.B. Bücher, Zeitungsartikel über Wikipedia und deren Community. Wikipedia wird aber auch zunehmend als Quelle verwendet.
Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist: Darf Wikipedia auch in wissenschaftlichen Arbeiten als Quelle zitiert werden? Wie auch bei Standardenzyklopädien liefert Wikipedia häufig nur einen kurzen Überblick zu einem Stichwort und kann daher sehr gut als Suchmaschine und Einstieg zu bestimmten Themen verwendet werden. Ein Vorteil im Vergleich zu anderen Enzyklopädien sind die internen und externen Links sowie die Literaturverweise, die bei vielen Artikeln angegeben sind. Man sollte jedoch immer weitere Quellen heranziehen, um Fakten zu überprüfen. Für wissenschaftliche Arbeiten sollte dann aber die entsprechende Originalliteratur herangezogen werden. In vorliegender Arbeit wurden häufig Wikipedia-Links verwendet, da es sich aufgrund des Themas um Direktbezüge handelte.

